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Matti Peters

Wochenschau: Neuer oder ter Stegen? Der Uli meint es doch nur gut


Auf seine letzten Amtstage als Bayern-Präsident polterte sich Uli Hoeneß noch einmal richtig in Rage. Da wirkt José Mourinho schon fast wie ein süßes Fohlen beim Grasen.

Die aktuelle Wochenschau beschäftigt sich mit einem Thema, das es so bereits letztmals vor 13 Jahren gegeben hat. Lediglich die Namen müsste man an dieser Stelle austauschen. An wem dieser Tage die hierzulande geführte Torhüter-Debatte vorbeigegangen ist, der lebt entweder hinter dem Mond und hat entsprechend schlechten Empfang oder interessiert sich gelinde gesagt einen feuchten Kehricht für unseren geliebten König Fußball und treibt sich folglich ohnehin nicht auf dieser App herum.

Was war passiert? Nun eigentlich nichts Besonderes. Marc André ter Stegen hat nach Jahren der Akzeptanz seiner Reservistenrolle in der Nationalmannschaft mal die Dreistigkeit besessen und die zurückhaltendste Form der Unmutsbekundung gewählt, die vermutlich existiert.

„Es ist nicht einfach, einen Grund dafür zu finden“, sagte der Torwart des FC Barcelona im Rahmen einer Werbeveranstaltung eines Sportartikelherstellers. „Ich mache in jedem Spiel gute Eigenwerbung, sodass die Entscheidung gegen mich immer schwerer wird. Ich versuche jedenfalls mein Bestes, um die Nummer Eins zu werden, aber die letzte Reise mit der Nationalmannschaft war für mich ein schwerer Schlag“, schilderte er der 27-Jährige.

Neuers Antwort folgte nach dem Spiel gegen RB Leipzig prompt.: „Ich bin Mannschaftsspieler und denke immer an das Wohl der Mannschaft.“ Weiterhin bemerkt er: „Es gibt ja sehr viele gute Torleute. Jeder, der nicht spielt, ist unzufrieden, dafür habe ich volles Verständnis. Aber das Wichtigste ist immer der Erfolg und das Wohl der Mannschaft.“ Das sagt sich natürlich leicht als Stammtorhüter.

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Keine 24 Stunden später war der Konter des Barça-Keepers auch nicht ohne: „Manu muss sicherlich nichts zu meinen Gefühlen sagen und diese bewerten, meine ich“, so ter Stegen.  Weiterhin richtete er sich an Jogi Löw: „Du kannst keinen Konkurrenzkampf ausrufen und dann erwarten, dass Spieler, die nicht spielen, glücklich über die Situation sind“.

Aus der Ecke des DFB kam erstmal nur eine aufgewärmte Ausrede: „Wir alle können uns doch nur freuen, mit Manuel Neuer und Marc-Andre ter Stegen zwei Weltklassetorhüter zu haben.“ Auch Kevin Trapp und Bernd Leno seien zu außergewöhnlichen Leistungen in der Lage. Es sei klar, dass jeder einzelne Torwart im Kader ehrgeizig sei und auch spielen wolle: „In der Nationalmannschaft brauchen und wollen wir diesen Konkurrenzkampf“, so Löw.

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Kurz zusammengefasst: Marc-André ter Stegen, der enttäuscht war, dass er nicht spielte, enttäuschte wiederum Manuel Neuer, was wiederum ter Stegen enttäuschte über Neuers Enttäuschung. Beide halten sich für den besseren Torwart, wollen die Nummer eins der Nationalelf sein und Löw brabbelte wie gewohnt um den heißen Brei, ohne wirklich fundierte Aussagen zu treffen. Eine Lösung gab es und gibt es in diesem traditionellem Dilemma ohnehin nicht.

Mitten in diese Debatte platzte dann Uli Hoeneß. Von Selbstgerechtigkeit auf den Plan gerufen schritt der Bayern-Präsident wie so oft schon nach dem Champions-League-Abend des FC Bayern gegen Roter Stern Belgrad zur Tat. Wie ein ungeladener Elternteil beim Elternabend stellte er sich sich schützend vor den Bayern-Keeper.

Er hätte sich vom vom DFB mehr Unterstützung erwartet, „wir kriegen vom DFB nur Theater“ platzte es aus dem 67-Jährigen heraus. Weiterhin holte er zum medialem Rundumschlag aus: Ter Stegen werde öffentlich unterstützt, „als wenn er schon 17 Weltmeisterschaften gewonnen hätte“, wetterte Hoeneß.

„Er hat überhaupt keinen Anspruch, da zu spielen. Bei den Torleuten ist es was anderes als im Feld. Die Hierarchie bedeutet, Manuel Neuer ist die Nummer eins. Er ist über viele Jahre der beste Torwart der Welt“ so die argumentative Grundlage. Wer jetzt dachte, dass sich hierbei nur um eine unüberlegte Aussage nach einem stressigen Abend handelte, irrte sich gewaltig.

Aus Sicht der Bayern müssten das Löw und der DFB wohl häufiger öffentlich betonen, dass sie hinter dem Manu stehen, der noch längst nicht aus dem Bälleparadies abgeholt werden möchte.

Stattdessen werde Neuer widerspruchslos „als altes Eisen dargestellt, der nach der Europameisterschaft aufzuhören hat“, sagte Hoeneß und ergänzte fast triumphierend: „Da werden sich manche noch wundern. Wenn das so weitergeht, spielt der in fünf Jahren noch – und dann hat der ter Stegen wahrscheinlich schon einen grauen Bart“, so der Patriarch des Rekordmeisters.

An dieser Stelle ist uns zwar klar, dass Hoeneß seinen Schützling nur aus der Schusslinie nehmen will, aber tatsächlich tut er mit seinen unbegründeten Aussagen nur das Gegenteil. Genau wie damals in der Debatte Kahn gegen Lehmann. Unaufgefordert wollte er dem damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann diktieren, dass der Titan zu spielen habe. Er bewirkte genau das Gegenteil.

Mit Argus-Augen beobachtete die Presse jeden Schritt der bayrischen Nummer eins, während Lehmann im stillen Kämmerlein von London quasi tun und lassen konnte, was er wollte. Das Ende ist bekannt. Kahn wurde bei der WM 2006 abgesägt, auch weil Hoeneß mit seiner Triade den Fokus auf den Münchner Keeper richtete.

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Ein ähnliches Szenario droht nun auch Manuel Neuer vor der nächsten Europameisterschaft. Während der Schlussmann auf ein baldiges Ende der Diskussion hofft, brodelt es im Büro seines Präsidenten vermutlich immer noch. Dabei sollte man aber niemals vergessen: Der Uli meint es doch nur gut.

Fernab dieser schlechten Kopie einer Reality-Soap lachte sich José Mourinho vermutlich ins Fäustchen, wohl wissend, dass er einmal in seiner Karriere den richtigen Weg gewählt hatte.

Während die spanische Presse seine Übernahme als neuer Trainer von Real Madrid dieser Tage förmlich forderte, reagierte der Portugiese schlicht: „Ich will nicht zurückkommen. Sie haben einen Trainer. Und der ist nicht irgendwer. Ich kann keine Mannschaft coachen, die einen Trainer hat“, antworte „The Special One“ gegenüber ‚Deportes Cuatro‘.

Wie sich ein Elternabend mit zwei überfürsorglichen Eltern abspielen würde, erfahren wir wohl erst, wenn unsere eigenen Kinder in dem Alter sind. Ein typischer Hoeneß und ein kalkulierender Mourinho, der tatsächlich auch seine wahre Meinung sagt, geben aber einen guten Vorgeschmack. Hoffentlich wächst bis dahin ein geeigneter Elternsprecher heran.