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Erik Schmidt

Wochenschau: Vom Oberstudienrat Hecking zum coolsten Coach der Nation


Es ist die Zeit der unbekannten Facetten in der Welt des Fußballsports. Die letzten sieben Tage brachten das ganz besonders zutage.

Dieter Hecking! Wenn ich an Dieter Hecking denke, spuken endlos lange Unterrichtsstunden durch meinen Kopf. Denn irgendwie erinnert mich Dieter Hecking an meinen Geschichtslehrer aus der achten Klasse. Stets mürrisch, ein vor latenter Wut gut durchblutetes Oberhaupt und für absolut keinen Spaß zu haben.

Wahrscheinlich traten sowohl Hecking als auch der Geschichtslehrer zur gleichen Zeit in mein Leben. Doch während ich den Möchtegern-Historiker seit Ewigkeiten nicht gesehen habe, begleitet mich Dieter Hecking nach wie vor. Verändert, so schien es mir bis vor kurzem, hatte er sich in den gut 15 Jahren kaum.

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Bloß selbst wenn ich Dieter Hecking in der Zwischenzeit vielleicht nicht gerade mögen gelernt habe, so habe ich mich immerhin an ihn gewöhnt. Schließlich ist er inzwischen so etwas wie eine Institution der Bundesliga geworden. Ein gestandener Trainer, der zumindest vorübergehend überall seine Erfolge feierte.

Meinen Respekt musste sich der 54-Jährige dabei tatsächlich hart erarbeiten. Doch nun, im Sommer 2019, könnte es diesem stoischen Menschen sogar gelungen sein, sich einen Platz in meinem Herzen zu sichern.

Denn Dieter Hecking offenbarte in den zurückliegenden Wochen eine an ihm eine bislang gut verborgene Seite, nämlich eine zutiefst menschliche. Wie sich der HSV-Coach immer wieder und mit aller Konsequenz vor Bakery Jatta stellte, beeindruckte deutschlandweit nachhaltig.

Nichts besonderes und doch nicht selbstverständlich

Während an der Identität des Gambiers gezweifelt wurde, erklärte Dieter Hecking: „Sollte er sich zur Verantwortung stellen, und das wird er machen, und sollte dann etwas Negatives dabei herauskommen für ihn, dann werden wir als Verein alles dafür tun, dass er aufgefangen wird. Der Verein wird dann alles machen, damit er das erfährt, was er braucht, nämlich Vertrauen.“

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Mittlerweile herrscht Klarheit: Am Montag wurden die Ermittlungen gegen Jatta eingestellt. Ganz glücklich war Dieter Hecking damit noch nicht. Er holte noch einmal zu einem Rundumschlag aus. „Ich finde es unmöglich, was da passiert ist! Ich habe noch nirgendwo gelesen, dass sich irgendeiner bei ihm entschuldigt hat. Wenn man Fehler gemacht hat, kann man auch dazu stehen und nicht noch dumme Kommentare schreiben“, sprudelte es aus seinem sonst meist zu einem kaum zu erahnenden Schlitz verschlossenen Mund heraus.

Eine neue Facette zeigte zuletzt auch Marco Reus. Zwar kam der Dortmunder Uwe Seeler nicht plötzlich mit dem Fahrrad zum Training, dafür versuchte sich der BVB-Kapitän in der Rolle des Managers. Sein Vorstoß in neue Gefilde traf allerdings auf deutlich weniger Gegenliebe.

In aller Öffentlichkeit hatte Reus ausgeplaudert, er wolle versuchen, das Leverkusener Riesentalent Kai Havertz in den Ruhrpott zu locken. Das sei ihm ja schon bei Julian Brandt geglückt. Michael Zorc, der eigentliche Borussia-Manager, betonte daraufhin nur kurz und knapp: „Alle Beteiligten tun gut daran, sich auf die gerade laufende Saison zu konzentrieren.“

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Langweilig dürfte es Reus nach den Niederlagen mit dem BVB bei Union Berlin sowie im Dress der Nationalelf gegen die Niederlande aktuell ohnehin nicht sein. Im Gegensatz zu Gustavo Matosas. Noch mal, wer? Gustavo Matosas. Der Mann übte bis Mitte dieser Woche den gleichen Job wie Dieter Hecking aus. Nein, nicht Geschichtslehrer. Fußballtrainer!

Allerdings fand Matosas an seiner Anstellung als Coach Costa Ricas deutlich weniger Gefallen. Denn der Übungsleiter trat nun zurück, weil er unterfordert war. „Ich habe gemerkt, dass man sich als Nationaltrainer unproduktiv fühlt, selbst wenn ich die Zeit mit dem Anschauen von Videos vergeude. Das bringt mich um. Ich habe nicht gewusst, dass es so langweilig ist“, erklärte er.

Also, Augen auf bei der Berufswahl! Dieser Hinweis kam vor wenigen Monaten wohl auch Dieter Hecking zu Ohren. Wer geht schon freiwillig zum HSV? Der ehemalige Gladbach-Coach aber scheint im Gegensatz zu seinen gefühlt 30 Vorgängern in den letzten zehn Jahren diesen früheren Chaosverein gebändigt zu kriegen. Wie es eben ein guter (Geschichts-)Lehrer mit dem einen Rotzlöffel aus der letzten Bankreihe hinbekommen sollte.

Dass die Rothosen momentan auch sportlich wieder positive Schlagzeilen schreiben und in der 2. Liga sogar auf dem ersten Platz rangieren, muss da gar nicht erst erwähnt werden. Chapeau, Dieter Hecking!