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Jan Schultz

Systemumstellung? So kann Löw Schlüsselspieler Sané ersetzen


Der Ball saust von der linken Seite scharf vor das Tor, wo sich Leroy Sané die Pille am kurzen Pfosten mit einem wunderbaren ersten Kontakt in den Lauf vorlegt und diese anschließend aus spitzem Winkel unhaltbar ins lange Eck feuert.

Das 1:0 im Quali-Hinspiel in Amsterdam ist ein Tor ganz nach dem Geschmack von Joachim Löw: direkt, schnell, vertikal – und am Ende erfolgreich. Sané steht symbolisch für diesen Fußball.

Entsprechend wichtig ist der Flügelflitzer, den man bei der Weltmeisterschaft 2018 noch erfolglos im Kader suchen musste, mittlerweile für die Nationalmannschaft. Er ist binnen kürzester Zeit vom Nachwuchskicker, der noch nicht reif genug agiert, zum Schlüsselspieler aufgestiegen. Umso schmerzhafter ist seine Kreuzbandverletzung nun auch für den Bundestrainer.

Denn der ist ob der langen Verletzungspause des 23-Jährigen nicht nur im wichtigen Quali-Spiel gegen die Niederländer zu Umbaumaßnahmen an der Startelf gezwungen. Löw kündigte bereits an, dass am Freitag Timo Werner oder Julian Brandt spielen werden. Mittelfristig bietet der weiterhin hochklassig besetzte Kader allerdings zahlreiche reizvolle Optionen.

Die naheliegende Lösung: Timo Werner oder Julian Brandt

In den letzten beiden Partien vor der Sommerpause setzte der Bundestrainer im Angriff jeweils auf eine Dreierreihe. Sané und Marco Reus begannen dabei auf den Außenbahnen, Serge Gnabry im Zentrum. Tatsächlich tauschten die drei aber regelmäßig die Positionen und rückten dabei viel ein, da die nachrückenden Außenbahnspieler die Flügel bearbeiteten.

In ein solches System würde auch Timo Werner optimal passen. Der agile Angreifer ist im Sturm nicht gerne auf sich alleine gestellt, hätte in dieser Formation aber die entsprechende Unterstützung. Zugleich könnte er über die Halbpositionen oder die Außenbahn immer mal wieder Tempo aufnehmen, ohne dass das Zentrum dann unbesetzt wäre.

Seine Leistungen sprächen ohnehin für den Leipziger, der momentan wohl der abschlussstärkste deutsche Profi ist. Gegen Gladbach erzielte er zuletzt seinen ersten Hattrick, diese Saison kommt er insgesamt schon auf fünf Buden in der Liga. In den letzten elf Bundesliga-Partien überflügelt er mit 15 Torbeteiligungen sogar Robert Lewandowski.

Entsprechende Leistungen ruft der 23-Jährige auch in der Nationalmannschaft ab. Als er etwa gegen Weißrussland von der Bank kam, brachte er direkt noch einmal frischen Schwung und belohnte sich mit einem Treffer. Dementsprechend selbstbewusst zeigte er sich auf der PK vor dem Spiel: „Unglücklicherweise, weil sich Leroy verletzt hat, ist vorne wieder ein Platz frei geworden. Weil ich so gut in Form bin, habe ich natürlich den Anspruch, dass ich die Leistung jetzt auch in der Nationalmannschaft wieder bringe. Das traue ich mir auch zu.“

Auch Brandt spielte in der Liga groß auf. In Leverkusens Angriffswirbel war er vergangene Saison einer der Hauptdarsteller und beim BVB zeichnet sich bereits ab, dass er mit seiner Unberechenbarkeit einen Stammplatz sicher haben dürfte. Auch er kann im Angriff mehrere Positionen übernehmen, dürfte aber, ähnlich wie Sané, eher über den Flügel kommen.

Aktuell dürfte er aber gegen den extrem formstarken Werner das Nachsehen haben.


Die perspektivische Lösung: Kai Havertz

Fußballerisch wohl noch etwas wertvoller wäre eine Startformation mit Kai Havertz. Wenngleich der Leverkusener für seine Verhältnisse fast schon mäßig aus den Startlöchern gekommen ist, so steht seine Klasse doch außer Frage. Nicht umsonst traut ihm Lothar Matthäus zu, in Zukunft mal Weltfußballer zu werden.

Genau deswegen müsste Löw früher oder später ohnehin anfangen, auf das Supertalent zu setzen. Denn einen Mann mit diesen Fähigkeiten lässt man nicht draußen. Vielmehr baut man eine Mannschaft um ihn herum auf. Zuletzt aber saß der 20-Jährige im DFB-Team stets auf der Bank. In den Quali-Spielen kam er noch gar nicht zum Zug, selbst an seinem Geburtstag durfte er gegen Weißrussland nicht ran.

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Der Bundestrainer sieht Havertz wohl noch nicht ganz so weit, auch im Nationalteam voranzugehen. Andere, nicht mehr ganz so blutjunge Profis wie Sané, Gnabry oder auch Leon Goretzka hatten daher in den vergangenen Monaten die Nase vorne. Der Leverkusener bietet nun aber den Vorteil, selbst in einer offensive Dreierreihe agieren zu können – zumindest in einer solchen, in der er nicht über den Flügel stürmen muss.

Genau das wäre im zuletzt praktizierten 3-4-3 möglich. Alternativ könnte Löw auch einen Mann aus der Offensive ins Mittelfeld zurückziehen. In einem 3-4-1-2 könnte das deutsche Team weiterhin vertikale Bälle auf zwei schnelle Angreifer spielen – und Havertz dahinter auf seiner Lieblingsposition: der Zehn.


Die defensive Variante: Leon Goretzka

Eben jenes System hatte der Bundestrainer beim erfolgreichen Hinspiel in Amsterdam gewählt. Statt Havertz spielte da allerdings Goretzka hinter den Spitzen – oder eher: er verbreiterte das Mittelfeld. Das ermöglicht gegen das ballsichere Oranje nämlich mehr Zugriff im Zentrum des Geschehens und damit auch mehr Kompaktheit.

Auch wenn dieses starke Herunterbrechen den Fähigkeiten des Bayern-Profis nicht unbedingt gerecht wird, aber das macht Goretzka zur defensivsten Variante. Er bringt Wucht in den direkten Duellen und eine hohe Laufbereitschaft mit. Obendrein kann er bei offensiven und defensiven Standards eine Waffe sein.

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Zugleich weiß der 24-Jährige sehr wohl auch, wie er sich aus dem Spiel heraus offensiv einbringen kann. Mit seiner Arbeit gegen den Ball ermöglicht er etwa Balleroberungen tief in der gegnerischen Hälfte, zudem sucht er immer wieder den Weg in den gegnerischen Strafraum. So bringt er es bereits auf acht Tore für das DFB-Team.

Im Hinspiel gegen die Niederländer setzte Goretzka all das eine Halbzeit lang wie gewünscht um. Im zweiten Durchgang bekam die deutsche Auswahl aber zunehmend Probleme, weil die Kontrolle vor allem im Mittelfeld verloren ging. Das führte zum Ausgleich und der Auswechslung des Bayern-Profis. Löw wiederum dürften diese gegensätzlichen Halbzeiten zum Grübeln bringen. Ebenso wie seine Vielzahl an Optionen, um Sané zu ersetzen.