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Jan Schultz

Kommentar: Hoeneß hat sich mit seiner Wutrede blamiert


Typisch Uli Hoeneß: Die Diskussion um die deutsche Nummer Eins schien schon fast durch, da gießt der Bayern-Boss noch einmal eine ganze Tankladung Öl ins Feuer – und wirft sicherheitshalber noch ein Dutzend Streichhölzer hinterher.

Dass er seinem Schlussmann den Rücken stärken will, kann man dabei aus objektiver Sicht noch nachvollziehen – da hört es dann aber auch schon auf. Denn während der 67-Jährige mit seinen diskutablen Reden in der Vergangenheit regelmäßig die Meinungen der neutralen Fußballfans spaltete, weiß er dieses Mal bestenfalls die Bayern-Anhänger hinter sich.

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Direkt zum Einstieg offenbart Hoeneß nämlich ein völlig weltfremdes Verständnis von Medienarbeit. Während die westdeutschen Redaktionen ter Stegen unterstützen würden, bliebe eben jene Hilfe für Neuer aus dem süddeutschen Raum aus. Das findet das FCB-Urgestein „nicht in Ordnung“ und fordert die lokalen Journalisten daher zwischen den Zeilen dazu auf, ihre objektive Haltung abzulegen. Tenor: Sie hätten quasi gefälligst das zu schreiben, was den Bayern-Bossen gefällt. Ob das nun stimmt oder nicht. Fakten sind völlig egal.

Die Fakten sprechen für ter Stegen

Ein derart verschrobenes Medienverständnis hatten die Münchener bereits im Vorjahr auf der legendären Grundgesetz-PK offenbart. Das wiederum macht einmal mehr deutlich: Der Abgang von Hoeneß war der richtige Schritt.

Dabei hat sich der Großteil der Medienberichte auf eine klare Sachlage bezogen. Ter Stegen zeigt in Barcelona seit Jahren überragende Leistungen und vertrat Neuer während dessen Verletzungspause bis zur WM 2018 einwandfrei. International wird der „Messi mit Handschuhen“, wie er in Spanien regelmäßig genannt wird, gefeiert, steht so auch in der finalen Auswahl für den Welttorhüter.

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Neuer fehlt in diesem Ranking nicht ohne Grund. Seit seiner Rückkehr zwischen die Pfosten vor über einem Jahr agiert der Weltmeister nicht mehr auf dem Level wie zuvor. Klar, die Form stimmt momentan. Der 33-Jährige zeigte zuletzt etwa gegen Leipzig eine starke Leistung, das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass er an Konstanz verloren hat. Gegen Belgrad hatte er so wieder einen groben Wackler bei der Ballannahme. Die alte Selbstsicherheit des Neuer 2014 scheint weg.

Hoeneß schaut durch die Bayern-Brille

„Manuel ist viel besser“, meint Hoeneß trotzdem und widerspricht damit zahlreichen Experten. Ter Stegen habe „überhaupt keinen Anspruch“ auf einen Platz im deutschen Tor – ungeachtet aller auch im Nationalteam erbrachten Leistungen. Wenn Neuer „wieder seine alte Form hat“, dürfe es keine Diskussionen geben. Der 33-Jährige verdrängte Barças Schlussmann zur WM aber sogar ohne jegliche Form.

Ter Stegen hielt trotzdem bis vor Kurzem die Füße still und äußerte erst seinen Unmut, nachdem der ihm versprochene Einsatz auch gegen Nordirland nicht zustande kam. Eine verständliche Reaktion, die auch im Rahmen blieb. Anders als die Reaktion vom Bayern-Boss. Der legte völlig irrational auch noch nach, dass Neuer „immer der Beste sein wird“. Was wohl der als FCB-Neuzugang gehandelte Alexander Nübel davon hält?

Auch Mesut Özil dürfte nicht schlecht staunen, wenn er die Aussagen des 67-Jährigen liest. Schließlich verweist der Vereinspräsident mehrfach auf die Verdienste seines Schlussmannes. Noch vor einem Jahr wiederum hatte eben jener Hoeneß auf Arsenals Offensivmann geschimpft, als dieser aus dem DFB-Team zurückgetreten war. Völlig ungeachtet der Tatsache, dass der Linksfuß seit 2009 ein prägendes Gesicht und 2014 ein elementarer Bestandteil der Weltmeister-Elf war. Es können eben nicht nur Fußballspieler ihren Zenit überschreiten. Hoeneß hat diesen Schritt schon lange hinter sich.