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Matti Peters

Kommentar: Bayerns Bosse machen Trainerarbeit derzeit unmöglich


Das Kapitel Niko Kovač ist beim FC Bayern München beendet, Hansi Flick hat übernommen. Ein Hauptproblem des Vereins ist damit aber nicht gelöst.

Denn ganz egal, ob der nächste Trainer nun Flick, Tuchel oder auch Peter Neururer heißen wird, in München müssen wieder Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Fußballlehrern ein ruhiges Arbeiten ermöglichen. Zu oft wurden den Trainern in den vergangenen Jahren Knüppel aus der Vereinsspitze zwischen die Beine geworfen. So verschliss der Verein bereits vier Übungsleiter seit Pep Guardiola vor knapp dreieinhalb Jahren München verließ.

Auch wenn sich in dieser Zeit die Titelsammlung vergrößerte, steht der Verein deutlich schlechter da.

Die Bayern-Familie wankt

Nach der Ära Pep, in der es vorrangig um taktische Strukturen und Variabilität ging, sollte mit Ancelotti wieder mehr persönliche/familiäre Führung in die Mannschaft und den Verein gebracht werden.

Die Münchener verpflichteten einen  respektierten Fachmann, der in vier verschiedenen Topligen Titel gewonnen hatte und als Spielerflüsterer galt. Doch dieses Engagement war nicht von langer Dauer.  Im TV-Interview bei ‚Domenica Sportiva‘ erklärt Ancelotti einige Monate nach seiner Entlassung, warum es bei Bayern nicht funktionierte:

Ich habe eine Art zu arbeiten, die ich nicht ändere. Es wurde von mir gefordert, das zu machen, und ich habe es einfach nicht akzeptiert. Welche Entscheidung man auch trifft: wenn der Verein dich nicht schützt, bist du tot

Und genau hier liegt die Crux: Seit Guardiola haben die FCB-Bosse keinem Trainer – mit Ausnahme von Jupp Henynckes – mehr vertraut. Oder zumindest das Vertrauen öffentlich ausgestrahlt.

Ancelotti scheiterte letzendlich an den gleichen Problemen, die auch Kovac zu Fall bringen sollten. Die Mannschaft bekam von oben mehr Unterstützung als ihr Chef. Oder wie Ancelotti es formuliert: „Wenn man einen Spieler aussortiert, dieser zur Vereinsführung geht und von ihr gestärkt wird, dann verliert man sein Gesicht vor den anderen Spielern. Davon erholt man sich nicht.“

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Dass auf sportlichen Misserfolg, ein Rausschmiss folgt, ist nicht nur beim FC Bayern normal. Doch dass die Probleme beim Rekordmeister tiefer liegen, ist nach Ancelottis Aussagen offensichtlich.

Erst Rückkehrer Jupp Heynckes hatte den nötigen Respekt wieder sicher. Deswegen war er auch das perfekte Bindeglied im fragilen Konstrukt Bayern. Gegen ihn traute sich kein Spieler aufzubegehren, weil jeder wusste, dass Rummenigge und Hoeneß hinter ihm stehen. Hätte Hoeneß die Wahl gehabt, ob er lieber die ganze Mannschaft austauschen oder aber Don Jupp feuern sollte, würde Cando vielleicht noch heute sein Geschäft an der Säbener Straße verrichten.

Keine Rückendeckung für Kovac

Ganz anders sah das bei seinem Nachfolger Niko Kovač aus. Bayern wusste von Anfang an, dass der Coach einen anderen Spielstil favorisiert. Ihm dann nicht die nötige Unterstützung zu gewähren, wenn es Startprobleme gibt, ließ den Job wie eine Mission Impossible wirken.

Kovač musste sich beispielsweise öffentlich für seine forschen Aussagen zu einem möglichen Transfer von Leroy Sané entschuldigen und wurde nicht nur in diesem Fall medial angezählt.

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Auch in der Debatte um die schrumpfenden Einsatzzeiten von Thomas Müller stand ihm keiner der Big Bosse zur Seite. Das mediale Gefecht mit der größten Identifikationsfigur im Verein musste Kovač allein austragen. Wie sollte er da gewinnen?

Fehlende Rückendeckung prägte die gesamte Amtszeit von Kovač. Monate zuvor war der Führungsetage nicht mal ein eindrucksvoller 5:0-Heimsieg gegen den BVB gut genug, um das angeknackste öffentliche Bild des Kroaten gerade zu rücken. Im Gegenteil, Rummenigge gab sich damals sogar kryptisch: „Es gibt bei Bayern München keine Jobgarantie – für niemanden. Jeder, der bei Bayern München angestellt ist, muss liefern. Wer mit diesem Druck nicht umgehen kann, ist hier falsch“, sagte er bei „Wontorra – der Fußball-Talk“ und meinte damit wohl auch den Trainer.

Die ‚Bild‘ berichtete keine zwei Wochen nach dem Amtsantritt von Kovač, dass Rummenigge lieber Thomas Tuchel als Cheftrainer geholt hätte, das bestätigte später auch Aufsichtsratsmitglied Stoiber öffentlich. Wer als B-Lösung startet, hat einen ordentlichen Rucksack zu schleppen.

Eine neue Ära bricht an

Die Trainerposition ist aber nicht die einzige, die in den kommenden Monaten eine Veränderung bringt. Uli Hoeneß tritt als Präsident des FC Bayern ab und überlässt dem ehemaligen Adidas-Boss Herbert Hainer das Feld. Im Sommer 2021 wird Rummenigge seinen Vorstandsvorsitz an Oliver Kahn abgeben, Hasan Salihamidžić könnte Sportvorstand werden. Gemeinsam müssen sie öffentlich und intern wieder anders agieren als es Hoeneß und Rummenigge zuletzt taten.

Wenn der Umbruch und vor allem die Rückkehr in glanzvollere Zeiten auf internationaler Ebene gelingen soll, muss wieder mehr Souveränität in den Klub einkehren. Die Hintergrundgeräusche sind in München ohnehin schon lauter als anderswo. Sie zusätzlich von oberster Stelle zu befeuern, ist ein Fehler, der beim FC Hollywood, ähm, Bayern zuletzt viel zu häufig praktiziert wurde.